Was wird nach der Krise anders bleiben? 6 Thesen aus der Praxisbeobachtung

CORONA wird mehr ändern als unser Hygieneverhalten. Z.B. wie wir arbeiten werden.

1. NEUE NETZE
Die aktuelle Krise ist eine Mega Chance für Teambuildings, allerdings werden sich Teams anders zusammenfinden, als durch den Faktor „selbes Büro“ oder „selber Chef“. Interdisziplinäre Teams, die gemeinsam selbstmotiviert was rocken, blühen gerade dann auf, wenn alle anderen in Angststarre verharren. Diese neuen Netze werden auch nach der Krise nicht mehr ganz wegzudenken sein. Diese Koalitionen der Willigen haben in Zeiten digitaler Tools, pragmatischer Entscheidungsprozesse und schmaler Budgets ihren großen Auftritt. Verstecker, Mitläufer, Blender und Apparatschiks verschwinden in der Versenkung.

2. NEUE TOOLS
Endlich hat Microsoft was geliefert, was ich seit ca. 1997 schon erhofft hatte: ein Toolset für flutschendes, vernetztes Arbeiten. Wer heute MS Teams, Power BI, One Note, Power Apps und noch ein paar andere Tools zusammensteckt, bekommt plötzlich eine ganz neue Firma (und die EDVler einen ganz neuen Job). Wer einmal mit MS Teams oder Deon oder OneNote gearbeitet hat, wer einmal statt Klebezetteln Jira benutzt hat oder wenigstens MS Planner, wer einmal per Skype Whiteboard gebrainstormt hat, der will nicht zurück zu Brownpaper, ewigen Wegezeiten, Excellisten oder Telefonkonferenzen mit parallel gemailten Powerpoints.

3. NEUE DISZIPLIN
Die Menschen kommen relativ pünktlich in die Calls, viel besser als zu Meeteritis-Zeiten. Und wenn der Call sich dem Ende nähert, verlassen die ersten den virtuellen Raum – so wird es einfacher, das geplante Ende auch tatsächlich einzuhalten. Wer unbedingt noch weiterquatschen möchte, bleibt halt im Chat. Sicherlich sind einige der Teilnehmer geistig abwesend, weil sie parallel am second Screen lustige Emojis ausprobieren, aber sie stören wenigstens nicht mehr die Anderen. Vorträge und Workshops laufen jedenfalls in meiner Erfahrung erfrischend diszipliniert und geordnet. Es gibt auch keine Streitigkeiten um Meetingräume mehr. Um nicht weggeräumte Tassen oder nicht abgewischte Whiteboards. Was für eine Energieverschwendung war das eigentlich?

4. NEUE FÜHRUNG
Wer bisher schlecht führte, sich aber durch Präsentismus, Selbstvermarktung und informelle Netzwerke über Wasser hielt, kriegt jetzt große Probleme. Virtuelle Teams zu führen, die selbstbewusst, selbstorganisiert, selbstmotiviert sind und dabei aufgrund digitalisierter Zusammenarbeit mehr Geschwindigkeit als je zuvor entfalten, ist die Königsklasse. Wer nicht zuhören kann, lernen, holistisch erfassen und dienend führen, der wird sich als Chef noch umschauen. Andererseits: lasst uns nicht so tun, als wäre diese Veränderung eine Revolution von unten. Auch die Mitarbeiter müssen was auf den Tisch legen. Selbstorganisiert arbeiten mit vielen Freiheiten heißt: Selber denken, Mund aufmachen, Risiken eingehen, selbst fortbilden, für Abmachungen im Team einstehen, die Führungskräfte in ihren sich verändernden Rollen konstruktiv unterstützen, etc. etc. Es wird auch transparenter, wer richtig was kann und sich bemüht. 2-3 Sprints ohne echten Beitrag reichen, hinter Tätigkeitsbeschreibungen und Projektplänen verstecken ist nicht.

5. NEUE NÄHE
In Krisenzeiten MUSS man Vetrauen investieren, man kann die Krise nicht micromanagen, jeder löscht mit – das schweißt zusammen. Man wird Vertrauen aber auch ernten. Was für eine Chance, endlich loszulassen, endlich wirklich Ownership abgeben. Endlich die Mitarbeiter wachsen und eigene Erfahrungen machen lassen, weil es gar nicht anders geht in der Krise! Dafür braucht es aber Nahbarkeit, Transparenz, Verlässlichkeit, Augenhöhe statt Machtdistanz und authentischen Zusammenhalt. Auf firmenweiter Ebene braucht es z.B. auch freie Debatten in internen Social Media statt top down Ansagen und langweilige Intranets.

6. NEUE MACHTVERHÄLTNISSE
Wer kennt sie nicht, die Silowarte, die ihr Herrschaftswissen verbissen verteidigen, selbst wenn es der Firma schadet? Oder die Silberrücken, die in jedem Meeting erstmal die Pommes auf der Schulter vergleichen müssen? In Krisenzeiten ist Expertise, Pragmatismus, Kooperativität gefragt. Die Krise wird ganz neue Machtverhältnisse hervorbringen, was die Arbeit menschlicher machen wird, und die auch nach der Krise sicherlich keiner mehr missen will.

FAZIT:
Who drove digital transformation: CEO? CTO? No, Corona did! Ganz neue Team-Netzwerke, neue Tools, neue Disziplin, neue Führung, neue Nähe – wer das nicht will, wird es nach der Krise schwerer haben als je zuvor. Wer sich schon immer danach gesehnt hat, wird jetzt ein Eldorado des neuen Arbeitens erleben.

Eine Umfrage des ISM dazu, wie Menschen mit der Krise umgehen und dabei auch persönlich wachsen: https://idw-online.de/de/news744218

Zukunftsforscher Horx dazu: https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/im-rausch-des-positiven-die-welt-nach-corona/

Angst als Treiber für Wandel

(Achtung, ironisch*): Lasst uns Deutschen unsere Angst! Die gehört zu uns wie der Laubmischwald, den wir abgehackt haben. Oder Biersorten wie Diebels, Hasseröder und Franziskaner, die die InBev für uns braut. Und jetzt wollen New Work Fuzzis uns diese Kulturkonstante austreiben? Mut, Fehlerkultur und Zukunftslust lecker machen? Da kriegt man ja Angst.

Andere Kulturen versprechen Paradiese. Zumindest kurzes Erleuchten vor dem Verwehen. Nur wir haben das Ragnarök, den Weltenbrand: alles futsch, basta. Und Odin hat es kommen sehen. Aber keiner wollte hören. Daher kommt die wunderbare „Ich habs doch gesagt“ Attitüde.

Und dann kommt der Fremde aus dem Süden, der alles anzündet. „Schuld sind die Anderen“ – ein Prinzip, perfektioniert in Germany. Der Wolf frisst den Boss, die Schlange vergiftet seinen Sohn, alle gegen alle. Alle gehen drauf. Das ist die Story. Und weil alles kaputt ist, kann man dann endlich was Neues starten. GREENFIELD.

Kontinuierlich verbessern? Pöh! Lernende Organisation? Geh! Wir wollen uns aktionistisch ins wilde Getümmel stürzen, gehemmt und getrieben zugleich von unserer geliebten Angst vor sonstwas. So ticken wir. Nehmt uns das nicht. Skål!

* teilweise