Kaum einer hat ANGST vor Veränderung. Was soll der Quatsch?

Ich habe jetzt bestimmt ca. 5.000 Menschen in Veränderungen erlebt. Ca. 10% durfte ich intensiver kennenlernen, bei 90% habe ich zumindest deren fachliche und überfachliche Forderungen, Sorgen und Hoffnungen erfahren. Was nicht zu spüren war: ANGST VOR VERÄNDERUNGEN. Immer wieder begegnet mir dieser Satz. Dabei ist er VÖLLIG FALSCH. Wieso wird das trotzdem ständig kolportiert?

Lass deine Psycho-Studien mal stecken. Die meisten Bullshitquellen untermauern diese Fehlaussage nur mit weiteren Bullshitquellen. Beispiel: Angst-Verstehen.de „die meisten Menschen haben Angst vor Veränderungen“. Quellen:
– Pal-Verlag (Lebenshilfe),
– stern.de (mittelmäßige Zeitschrift),
– zeitzuleben.de („ein Informatiker, der manchmal ein bisschen schüchtern ist, gerne Tiramisu mag, und manchmal Dinge kauft, die er nicht braucht“)…

Darüber, was Menschen meiner Meinung nach in Zeiten der Veränderung wirklich fürchten, und was Du bitte tun solltest, schreibe ich heute einen etwas längeren Beitrag.

Juchu! Wenn die Kollegen meinen Bullshit nicht hinnehmen, liegt es an denen! 😉

Ich lese ich grad ein Buch „vom Kollegen zum Chef“ und was suggeriert man mir da? Nicht meine bekloppten Ideen provozieren Widerstand, Schuld sind die blöden Kollegen mit ihrer ANGST VOR VERÄNDERUNGEN. Der Autor ist „gelernter Buchhändler und erfolgreicher Führungskräftetrainer“. Ich sag mal, da hat einer die Schnauze voll gehabt von all den quaksalbernden Absahnern in den eigenen Bücherregalen – und hat halt prompt selbst auch mal was geschrieben, oder wie?

Ich nenne das mal #MachiavelliEffekt: „in lehrmeisterlichem Duktus dem avisierten Publikum nach dem Maul reden“. 99% der Menschheit sehnt sich nach irgendwelchen Veränderungen! Angst haben sie vor konkreten Verschlechterungen oder halt vor Bullshit.

Ich lass ja mit mir darüber reden, dass es seriöse Forschung gibt, die Ängste in Bezug auf Veränderungen untersucht. Doch primär finde ich da (außerhalb des Ratgeber- und Coaching-Sumpfes) nur Hinweise in Richtung konkreter Krankheitsbilder, vor allem Autismus. Hier mal spaßeshalber aus dem Lexikon der Neurowissenschaft:

Was Menschen fürchten: Umfragen zufolge fürchten Menschen am meisten gefährliche Tiere – insbesondere Schlangen (bis zu 25%) – und Höhen, was vielleicht teilweise biologisch bedingt ist. Häufig genannt werden auch Verletzungen und Krankheiten, öffentliche Plätze, Verkehr, Tunnels, enge Räume. Kinder berichten von der Furcht vor der Dunkelheit, doch diese verliert sich mit dem Älterwerden.“ (https://www.spektrum.de/lexika/showpopup.php?lexikon_id=3&art_id=641&nummer=103)

Veränderung ist nicht dabei (solange man „Höhe“ nicht als potentielle Veränderung definiert, ihr Haarspalter). Selbst Fachleute tun sich schwer, gute Literatur hierzu zu produzieren, sie setzen zum Beispiel Unsicherheit angesichts massiver gesellschaftlicher Umbrüche mit „Angst vor Veränderungen“ gleich und verfallen anschließend ebenfalls der Parliererei.

Auf Seite 13 gleich der zweite Fall von Laienpsychologie. Ja was denn nun? Kann man „fast“ von einer „Krankheit“ sprechen, oder ist Alexithymie in Unternehmen weit verbreitet? Abgesehen davon, dass Alexithymie ein umstrittenes Thema ist (unter Fachleuten zumindest)

Vielmehr ist Veränderung im Prinzip doch das, was lebende Organismen ausmacht. Was sich nicht mehr verändert, ist tot. Leben ist Prozess, Stoffwechsel, Umsatz, Kreislauf, es ist faszinierend, wie schnell unser Gehirn sich durch Training verändern lässt. Allerdings ist auch das Sterben eine Veränderung. Das Krankwerden genauso wie das Gesunden. Eine Veränderung wird also immer danach beurteilt, was sie mir wohl bringt – brauch ich keinem zu sagen. Veränderung per se wird nicht gefürchtet oder ersehnt! Es kommt doch darauf an, was man von ihr zu erwarten hat.

Ein weiterer Aspekt, der mit Angst verwechselt wird, ist Aufwand. Wenn wieder alle Karten neu gemischt werden sollen. Wenn wieder alle umziehen müssen. Wenn wieder ganz viel Staub aufgewirbelt wird. Aber man nicht damit rechnet, dass das irgendwas bringt, dann wird einem schon mal bange. Aber nicht aus Angst vor Veränderung! Sondern aus Angst vor Überstunden. Vor Kuddelmuddel. Vor vergeblicher Mühe.

Und ein dritter Aspekt (der erste war die Befürchtung konkreter Nachteile, der zweite war sinnloser Extraaufwand) ist die Angst vor unbekanntem Risiko. Wenn ich meinen jetzigen Job aufgebe, um in die neue Firma zu wechseln, dann fühlt sich das eventuell unangenehm an. Aber doch nicht, weil ich generell Angst vor Änderung habe. Sondern weil dort die Probezeit neu startet, ich die Leute nicht kenne und eventuell es dort schlechter habe als heute. Das ist Unbehagen angesichts nicht kalkulierbarer Risiken. Ich würde gern mal einen der Gurus, die in ihren Keynotes „Lust auf Unbekanntes“ oder „Spaß am Risiko“ vermitteln wollen, mit verbundenen Augen durch einen Wald laufen lassen. Schließlich ist der Aufprall physikalisch gesehen auch nur eine Veränderung. Angst? Überwinden!

Insofern bitte, liebe Führungskräfte, Coaches, Trainer, ja sogar ihr Quaksalber, … bitte benutzt doch einfach die passenden Wörter. Angst, Unbehagen, Aversion, Ablehnung, inhaltlich dagegen sein, konkrete Nachteile antizipieren, keine Lust auf Umbau haben, … es gibt so viele schöne Wörter, die man korrekt einsetzen sollte, wenn man das nächste Buch schreibt oder die nächste Keynote aus dem Netz zusammenkopiert 😉 Nur Mut!

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