Business Agility oder: der gestrandete Wal

Herrjeh, verzeiht solch unbeholfene literarische Ergüsse, es musste zu Papier // Heute: Große Unternehmen, die Agilität anstreben, sind wie ein gestrandeter Wal. Bis gestern war man der große Fisch in den Ozeanen, aber diese Ozeane sind plötzlich verschwunden. So liegt man nun am Strand auf dem Trockenen. Die dicken Muskeln und Fettreserven waren einst ein Evolutionsvorteil. Jetzt erstickt man am eigenen Gewicht. Man weiß, dass man es nicht allein ins Meer zurück schafft. Es ging immer vorwärts. Doch jetzt? Vorwärts ist nur eine leere Strandpromenade und ein paar Gaffer. Das kanns ja nicht sein. Und man weiß, dass man albern aussieht bei dem Versuch, den großen Leib in Wallung zu bringen. Agil müsste man sein. Und weit hinter sich hört man dynamische Delphine keckern…

Dies ist eine fiktive Geschichte eines gestrandeten Wals, der agil werden will, in drei Akten. Ähnlichkeiten mit reellen Walen sind zufällig.

Business Agility oder: Der gestrandete Wal

Erstes Kapitel: Shake it like it’s agile

Unser Wal brutzelt also am Strand vor sich hin und überlegt, was an der Situation ihm am wenigsten gefällt. Plötzlich, wie das in solchen Geschichten so ist, springt ein Delphin kühn und dynamisch zu ihm an den Strand. „Naaaa? Bisschen dick, wa? Ick kann verstehen, dass du sein willst wie wir. Kost ne Mark. Aber ick helf dir“. Der Wal kann es kaum glauben. Hilfe ist da. Coole Hilfe. „Natürlich, hier, nimm all mein Erspartes. Zeige mir, wie ich so agil werden kann, wie Ihr“. Der Delphin zieht Sneakers und Hoodie aus und setzt sich neben den Wal in den Sand. „Also, als Janzes kannst Du nicht ‚agil‘ sein. Dit können nur wir Delphine. Du bist zu dick und zu überkomplex. Aber Du kannst klein anfangen. Dit heißt Grassroots. Pass auf…“

Und so macht der dicke Moby jetzt betreute Fitness. Unter Anleitung des dynamischen Delfins ordnet er an, dass einige seiner Körperteile fortan agile Organe sind. Grassroots! Es melden sich der Popo und die Flossen freiwillig. Und auf geht’s. Walpopo und Flossen küren einen Scrum Master und Product Owner, die anderen Zellen sind Developer. Man raunt sich mutmachende Geschichten über Design Thinking, End-to-End-Verantwortlichkeit und Agile Werte zu und hat auch schnell eine Projektvision pro Organ. Wäre doch gelacht, wenn wir den monströsen Leib nicht ein wenig in Richtung Wasser bewegen.

Und dann sprinten sie los. Der Popo bewegt sich, die Flossen bewegen sich. Jeder für sich. Total agil. „Wie seh ich aus?“ Fragt der Wal stolz. Der Delfin guckt nachdenklich. Ein Gaffer ruft: „Albern!“ Eine kecke Krabbe huscht vorbei und sagt: „Traurig!“ Der Wal fühlt sich nicht agil. Nur albern und traurig. Vor allem die Flossen und der Popo sind enttäuscht, dass ihre Mission abgebrochen wird. Es fing gerade an, ihnen Spaß zu machen.

Zweites Kapitel: Scale it like it’s agile

„Dit war ja wohl nichts“, kommt der Delphin dem Wal zuvor. „Die Methoden und Ansätze sind unfehlbar. Es muss daran liegen, wie du es jemacht hast“. Das leuchtet dem Wal ein. Schließlich hat er in letzter Zeit so einiges falsch gemacht. „Ick hab da wat. Skalierung“. Der Wal schöpft Hoffnung. Ein neues Fremdwort, das wird helfen. „Berate mich, Delphin“!

„Du musst alle deine Körperteile fit machen und den janzen Körper gleichzeitig in Gang setzen, wie einen Zug“. Der Wal erschaudert vor Ehrfurcht. Woher der Delfin das nur alles weiß? Wie vielen Walen der dynamische Delfin wohl bereits zurück ins Wasser geholfen hat? Worauf begründet er sein Wissen? Er wagt aber nicht zu fragen, nachher wäre der nette Delfin noch beleidigt.

Stattdessen organisiert der Wal frischen Mutes alle Körperteile in einem Framework und startet richtig durch. „Alle an einem Strang, im Takt, synchronisiert und priorisiert, auf drei…“ Der erschöpfte Wal nimmt alle Kraftreserven zusammen. Er erzittert vor Anstrengung. Er krümmt sich, spannt alle Fasern an, und macht einen Satz. Erhebt seinen massiven Körper teils in die Luft. Ihm wird schwindelig.

Als er wieder aufwacht, liegt er – etwas schief und mit der Fluke unter seinem Bauch eingeklemmt – mit dem Kopf ein klein wenig in Richtung Wasser gedreht. Er ist völlig am Ende. Zu den lachenden Gaffern haben sich inzwischen auch besorgte Gaffer gesellt. Ebenso Tierschützer. Und Geier.

Kapitel drei: Start-up like it’s agile

Der dynamische Delfin schaut ernstlich besorgt und schippt dem Wal ein paar Finnen voll Wasser auf den glühenden Leib. Doch er wäre nicht er, wenn er nicht schon das nächste große Ding im Kopf hätte. „Evolution“ murmelt er bedeutungsvoll. „Wal, Du selbst wirst es vielleicht nie zurück ins Wasser schaffen. Aber Deine Kinder!“ Der Wal öffnet sein geschwollene Auge und blinzelt ungläubig. „Ick weeß es ist schwer, aber Du musst kalben. Ein Junges Walkind ist von sich aus agil, oder? Erinner dich doch mal an deine eigene Jugend“. Der Wal hat Mühe, zu folgen, es wird ihm gerade etwas zu surreal. Doch eines stimmt, früher war er mal ein fescher Hüpfer.

„Denk noch größer,“ inspiriert der Delfin den Wal, „wenn Du mehrere Kinder kriegst, kann jeder Nachwuchs sein eigenes Ding machen. In seiner eigenen Geschwindigkeit und im eigenen Style. Vielleicht wird das eine ein flinker Sandfloh, und das andere ein flotter Thun? Nur die Sache mit dem Partner, hmm.“ Der Delfin grübelt. „Wie kriegen wir dich schwanger?“ Da erhellt sich das Gesicht des alten Wals. „Ich könnte mich selbst befruchten!“ Buäh, der Delfin speit in den Sand. „Bist Du von Sinnen? Dit is ja widerlich. Und es ist nicht weit von Inzucht. Da kommt doch gar kein frisches Blut ins Spiel! Du musst dich mit fremden Erbgut befruchten, sonst nützt die janze Ausgründerei nix.“ Doch der Wal ist nicht abzubringen „ich hab halt nur meine eigenen alten Zellen“. Und er gründet also eine Familie aus.

Es beginnt für den Wal eine Zeit großer Träume. Später würden einige sagen, das hätte am fortgeschrittenen Zerfall gelegen, gepaart mit der verständlichen Verzweiflung angesichts der sengenden Sonne. Doch im Moment träumt der Wal schöne Träume, von Kindern und ihren späteren Lebenswegen da draußen im Meer. Von behenden Barracudas, kecken Krabben und flexiblen Feuerfischen. Der Wal verliert das Gefühl für Zeit und Raum. Schnell scheinen die Tage zu verfliegen. Der Wal glüht. Ist es die Reibung an der Zukunft, ist es die Hitze, er weiß es nicht. Zu beschäftigt ist er, seinen geschundenen Leib zum selbstbefruchteten Schwangerwerden zu kriegen. Alle inneren Kräfte werden mobilisiert. Es geht um alles. Der letzte große Ruck. The future is what we make of us. Und andere kluge Sätze summen in psychedelischen Mantras durch alle Zellen und Hohlräume des Riesen.

Der Wal verfällt in eine Art hyperaktive Trance. Er träumt in Buzzwords, die auf eine magische Weise irgendwie Sinn ergeben: Wal 2.0, New Biz, try hard, fail fast, kill your darlings… und so geht das eine Weile. Bis eines Tages – der Wal ist auf alles vorbereitet, nur nicht darauf – eine kalte Welle gegen seinen Leib klatscht. Was war das? Da, die nächste Welle. Wo ist der Delfin?

Der Wal, vom Wasser erfrischt, reckt den nicht vorhandenen Hals. Hundert Meter entfernt, landeinwärts, im Sand, ein völlig verdörrter kleiner Körper. Das Gesicht noch immer delfinisch lächelnd. Neben ihm noch ein Delfin. Und noch zwei. Nein, es sind hunderte. Arme Del… doch der Wal kann nicht zuende denken. Seine Sinne und Kräfte kommen zurück. Er spürt ein Reißen am Schwanz, dort wo der Traktor ihn angekettet hat um ihn ins Meer zurück zu zerren. Der Traktor hat fremdartige Schriftzeichen, von hier ist er nicht. Aber er hat den Wal ins Meer zurück geschafft. Und es dauert nicht lange, da kann der Wal aus eigener Kraft schwimmen.

Die anderen Fische machen Platz. Er ist wieder der dickste und er ist wieder da. Majestätisch schlägt die mächtige Fluke, ein Meisterwerk der Evolution wenn man es so in Aktion sieht. Die Delfine, die überlebt haben, tummeln sich an der Oberfläche. Die, die am Strand verreckten, und auch der, der des Wales Geist so lange wach gehalten hatte, sind schon fast vergessen. Und als wäre es nichts, schluckt der Wal eine Tonne Krill. Und schneller als es von Nahem aussieht, taucht er ab in sein Element, seinen unendlich weiten Ozean, einem unfassbar langen Leben entgegen.

Und manchmal, Jahre später, wenn er einen nostalgischen Moment hat, grübelt der Wal. Er grübelt, wie das Wort nochmal war. Arid? Debil? Endgeil? Vielleicht war es alles nur ein Fiebertraum und das Zauberwort seiner wahnhaften Fantasie entsprungen. Aber das Lächeln des Delfins bleibt in seinem Herzen und er fühlt sich ein kleines bisschen kecker als früher.

Ende.

PS: Diese Geschichte gibt keine Meinung wieder, sie verarbeitet Erfahrungen, Eindrücke und Gedanken. Aus ihr kann nichts Sinnvolles gelernt oder geschlussfolgert werden. Sollte sie jemand als Business Theaterstück aufführen oder verfilmen wollen, bestehe ich auf folgender Besetzung:

Der Wal: Eine Konzernchefin

Der Delfin: Ein Gründer, der gerade eben für nichts anderes gegründet hat, als dafür, andere zu beraten

Die Gaffer: Gaffer

Der Traktor: Ein Wirtschaftsminister eines relevanten Marktes, in dem es mächtig brummt

Der Ozean: Das Weltgeschehen in Dekaden

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