Regeln, die es gar nicht gibt: Klare Kommunikation am Beispiel eines Rätsels

Das Briefing: „Berühre alle 9 Kreise mit maximal 4 geraden Strichen, ohne abzusetzen“.

Kommunikation ist King. In einer Welt der Wissensarbeit, des Innovationsdrucks, steigender Diversität und agilerer Zusammenarbeit ist es essentiell, dass wir effektiv miteinander kommunizieren. Und wer in Beruf oder Studium etwas über effektive Kommunikation gelernt hat (meist Modelle mit Ohren und Augen 😄), wird wahrscheinlich eingebläut bekommen haben, dass immer der Absender an allen Kommunikationspannen Schuld ist. Das stimmt nicht. Auch der Empfänger kann sich mal ordentlich an die Nase fassen. Darum geht es heute – in Gestalt eines beliebten Kinderrätsels. Viel Spaß!

Einfachste Lösung A: einfach ein bisschen über die Ecken hinaus zeichnen – out of the box!

Wenn ich dieses Thema in einem Seminar bringe, kommen meistens 50-75% der Teilnehmer nach wenigen Minuten auf diese einfachste Lösung. Der Trick ist, die Striche weit über die Kreise hinauszuziehen. Man verlässt die „Box“, die die 9 Kreise in ihrer quadratischen Anordnung bilden.

Doch mir geht es hier grad gar nicht ums Denken. Mir geht es um die Leistung, die ein Empfänger von Kommunikation bitteschön zu bringen hat. Und die ist: genau zuhören bzw. genau lesen, nichts hinzudichten, nichts überinterpretieren.

Manchmal kommt nämlich jetzt zum Beispiel der Einwand aus dem Publikum, dass „Punkte ja in Wirklichkeit unendlich klein sind“, und „die 4 Geraden sie in echt nicht treffen würden“. Darauf habe ich dann gewartet. Wo steht was von Punkten? Oder von Geraden? Einige scheinen vom Geometrieunterricht derart vorgeprägt zu sein, dass sie das Briefing einfach  überinterpretieren und dafür mogelt ihr Gehirn sogar einfach die Begriffe um.

Andere bemängeln wiederum, dass ein Kreis zweimal durchkreuzt wurde. Doch auch hierzu steht im Briefing nichts, was dem entgegen stehen würde. Ein weiterer typischer Fall von „Übercompliance“: man hält sich an Regeln, die es gar nicht gibt!

(Doch warum ist diese Lösung eigentlich die einfachste? Bitte kurz im Hinterkopf behalten! Wir kommen nochmal drauf zurück am Ende). Auf zur nächsten Lösungsmöglichkeit.

Lösung B für Clevere: das Briefing sagte ja „maximal 4“, warum also nicht mit 3? Dafür muss man noch weiter über die Kreise hinausschießen. Auf diese Variante kommen wenige.

Deutlich seltener kommt diese Lösung: man braucht nur 3 Striche, wenn man extrem weit über die Kreise hinaus zieht. Tolle Lösung. Und voll im Einklang mit dem Briefing. Und doch kommen hier typische Stirnrunzler, z.B. „das sind doch nur 3 Striche“ – ja. Cool, oder? Im Briefing steht ja maximal 4. Also alles fein, bitte nicht übercompliant werden, sondern einfach nur dem Briefing folgen. So wie in der Schule bei den Textaufgaben 😉

Ein anderer Einwand ist manchmal noch,  dass ich „nur manche Kreise richtig durchkreuze während ich andere nur berühre“. Ich freue mich dann immer, weil im Breifing ja sogar explizit steht „berühre die Kreise“! Also wäre, wenn schon, dann das Durchkreuzen falsch. Aber das Gehirn möchte halt alles schön durchkreuzen und empfindet das daher eigenmächtigerweise als „richtiger“.

Auf zur nächsten Lösungsmöglichkeit – ja, es gibt noch welche 🙂

Lösung C für pragmatische Genies: „Gib mir einfach nen dicken Stift!“

Bisher sagte nur ein einziger Teilnehmer „Herr Wilke, ich mach das mit einem einzigen Strich. Geben Sie mir einfach einen mega dicken Stift!“. Wow! Chapeau.

Und auch diese Lösung ist vom Briefing gedeckt. Doch was machen die anderen Teilnehmer? Anstatt dem Haustechniker, der Kraft seiner Pragmatik diese Idee, zu gratulieren, suchten alle fieberhaft nach dem Problem.

Irgendwas an der Lösung muss doch falsch sein! Alles wurde abgeklopft: geometrische Fachbegriffe wurden aufgefahren. Spitzfindige Sondedefinitionen und Schärfungen des Briefings vorgebracht. Es half alles nichts. Die Dicke der Striche ist nicht vorgegeben. Bumms aus, Ende. Tolle Lösung.

Zusammenfassung:

Die Aha-Effekte, um die es mir bei dieser Übung geht, sind:

  • Als Empfänger von Kommunikation kannst du auch etwas dafür tun, dass die Message ankommt, dass darfst du nicht dem Absender allein überlassen!
  • Nimm eine Aufgabe doch mal so wie sie da steht. Kein Überinterpretieren, keine Selbsteinschränkung, nicht von Schranken aufhalten lassen, die es gar nicht gibt!
  • Auch im Alltag beschränken die „Boxen“ Deines Denkens, ob Du zu interessanten Lösungen kommst. Sie beeinflussen sogar, wie Du simple Aufgabenstellungen interpretierst.
  • Umgib dich mit klugen Menschen, am besten klugen faulen. Du wirst eine Menge faszinierender Ideen sehen, die Du woanders ein Leben lang nicht erleben wirst!

PS: Warum ist eigentlich die erste Lösung und den Augen der großen Mehrheit die einfachste? Wenn man alle drei Lösungen kennt, ist doch ganz klar die dritte am einfachsten! Es ist so: Die erste ist für eine in einer Box gefangenen Geist die bequemste. Es sind eben 4 Striche, und 4 steht ja auch im Briefing. Man muss zwar grübeln, wie man das hinkriegt, aber die Entscheidung, ich machs mit 3 oder gar nur einer, wäre viel anstrengender für unseren trägen Kopf. Wer sein Hirn aber darauf trainiert, immer wieder alles infrage zu stellen, was laut Briefing dafür freigegeben ist, der wird bald merken, wie einfach das Leben wird – mit spannenderen Lösungen.