Warum auf lange Sicht Entscheiden wichtiger ist als Recht haben zu wollen

Odin, der komplexeste nordische Gott, verlor ein Auge. Das war kein Makel, es war eine Investition

Ich habe so gern Recht. Ich habe fast immer Recht. Ich würde mich geradezu als perfekt bezeichnen, wäre da nicht meine umwerfende Bescheidenheit :-).  Ja, es ist kein einfaches Leben, wenn man immer Recht hat. Die Mitmenschen haben nämlich andere Meinungen, und die sind dann ja naturgemäß falsch. Das strengt an. Und es macht einsam. Doch ich spüre, wie ich mich in den letzten Jahren verändere: Ich werde unperfekt. Ich mache Fehler. Und das ist ganz hervorragend. Im Prinzip noch perfekter als vorher 🙂 Warum?

In den nordischen Sagen hat Gottvater Odin es nicht ausgehalten, die Zukunft nicht zu sehen. Also opferte er ein Auge, im Gegenzug konnte er ein wenig hellsehen. Das hat zwar auch nie so richtig geklappt, aber es hatte schon was. Odin gab einen guten Teil seiner Perfektion auf. Dafür bekam er was. Perfektion wird von vielen oft im Sinne von „Makellosigkeit“ gebraucht. Die Lateiner verstanden unter perfectio aber etwas anderes, nämlich „Vollendung“. Und um diesen feinen Unterschied soll es heute gehen.

Wer Makellosigkeit anstrebt, beraubt sich der Chance, zu wachsen.

Makellosigkeit bedeutet, auf der Spitze eines Berges angekommen zu sein, ab hier geht es in alle Richtungen ja nur bergab. Jede Veränderung bedeutet Abstieg. Deshalb hatte ich in den Jahren, in denen ich so gerne Recht hatte, auch wenig Lust an anderen Meinungen. Immer wenn jemand anderes möglicherweise Recht hatte, bedeutete das ja, dass ich vielleicht Unrecht hatte. Die Gedanken des Anderen waren für mich keine Bereicherung, sondern ein Fingerzeig auf potentielle Makel in meiner Überzeugung.

Doch wer immer nur versucht, seine Ansichten bestätigt zu bekommen, wie kann der dazulernen? Durch geniales Grübeln schaffen das vielleicht ganz wenige. Aber die meisten verschenken die Chance, durch das Zulassen ihrer Unperfektheit zu reifen – sie sind (vermeintlich) perfekt, aber vervollkommnen sich nicht weiter.

Entscheidungen bergen die Gefahr, Fehler zu machen. Prima!

Interessant ist das Wort, dass die Lateiner für Makellosigkeit hatten. Die hieß auf Latein nämlich nicht perfectio, sondern integritas! Im Sinne von unbeschädigt. Wie himmelweit ist der Unterschied zwischen unbeschädigt sein und sich vervollkommnen! Entscheidungen zu treffen führt zu Erkenntnissen. „Ach, das passiert dann, uiuiui, wie gehe ich denn jetzt damit um?“ Recht haben wollen führt dazu, dass man eine Eins ins Klassenbuch bekommt und sich wieder hinsetzen darf. So bleibt man schön unbeschädigt. Aber man vervollkommnet sich nicht weiter.

Um mal kurz von den Göttern und Schamanen weg zu kommen: ich habe als Kind ungern meine Legoraumschiffe zerlegt, wenn sie einmal fertig waren. Doch in unserem kleinen Kreise der Plastiksteinbauer war eines klar: manchmal muss ein Mann das alles zerlegen, und dann etwas Neues, viel Größeres bauen. Manchmal geht das einfach nicht durch Anflanschen. Und dieses Zerlegen erfordert eine beherzte Entscheidung. Schluss mit integritas, perfectio, ich komme!

Der gute alte Gottvater Odin ging den anstrengenden Weg zur Vollkommenheit gleich mehrfach. Einmal bammelte er sich tagelang kopfüber an einen Baum und verwundete sich selbst mit seinem Speer. Vielleicht halfen der Schmerz und das viele Blut im Kopf, jedenfalls fielen im auf diese Weise die Runen ein, das Alphabet seiner Welt. Er war nicht unbeschädigt (integritas), dafür etwas vollkommener geworden (perfectio). In Uppsala sollen die Schweden diese Heldentat jährlich tagelang gefeiert haben, indem sie sich selbst auch in die Bäume bammelten.

Warum ich so auf Odin herumreite? Ich erinnere mich an mein Geschichtsstudium, wo ich beim verstorbenen Prof. Göckenjahn viel über die Erschließung Russlands durch die Stroganows erfahren durfte. Dabei ging es einmal auch um Begegnungen mit den verschieden Typen von Schamanen bei den indigenen Völkern dort. Bei Schamanen findet sich bisweilen die Vorstellung, dass man zur persönlichen Entwicklung unbedingt durch Schmerzen gehen muss, wenn nicht sogar teils durch komplette Zerstörung und Neuzusammensetzung. Klar, dass das erstmal brutal klingt. Aber der Gedanke dahinter ist faszinierend und einleuchtend. Und musste nicht Jesus auch erst, ach das führt hier zu weit…

Triff Entscheidungen. Das ist wahrscheinlich die Eigenschaft, die uns allen Göttern am nächsten bringt. Triff Entscheidungen und vervollkommnen dich durch die daraus folgenden Konsequenzen. Und bitte, mach auf dem Weg zur Vollkommenheit nicht den Fehler, wieder zur falsch abzubiegen und als Ziel der Reise Makellosigkeit anzustreben. Vervollkommnung ist ein Weg. Makellosigkeit ist ein Werbeschild am Wegesrand. Du entscheidest!

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