Verwechselt nicht „Kreativität“ mit „keine Ahnung“!

Wenn Dir Agilisten, Key Note Speaker oder Berater erzählen, die Welt sei VUCA, die Welt von heute brauche meist Kreativität statt Wissen oder „People“ sei wichtiger als „Processes“… dann ist da in vielen Fällen was dran. Aber es ist auch eine gigantische Falle darin versteckt. In der potentiellen Verwechslung von „Kreativität, Fehlerkultur und Systemischem Denken“ mit „Disziplinlosigkeit, kultivierter Ahnungslosigkeit und Cherry Picking“. Gerade größere Unternehmen müssen schnell interne Kompetenz aufbauen, um diese Fehler zu vermeiden. Beim Einkauf von Trainern, Coaches und Beratern – bei der Gestaltung interner Kommunikation – bei der Begleitung von Nachwuchsführungskräften etc. Was diese Fallen genau sind und warum erfolgreiche agile Unternehmen sehr sehr sehr viel Wert auf Prozesse und Wissen legen, und warum alle Welt das Thema Fehlerkultur am Punkt vorbei diskutiert, darum geht es heute.

Die Wahrheit ist Lila, mindestens blaurot gescheckt. Wahlweise gestreift.

Was sind die Fallen beim Thema Kreativität, Fehlerkultur und Systemisches Denken?

VUCA is (to some extent) what YOU do!

Die größte Falle ist, wenn man glaubt das eigene Team oder Unternehmen müsse sich zwischen Rot und Blau entscheiden. Als wäre die Welt vor 2000 ausschließlich simpel gewesen und nach 2001 ausschließlich komplex oder so. Das ist nicht so. Die Welt wird scheinbar immer mehr VUCA, aber mal provokant gefragt: vielleicht machen wir sie ja selber VUCA? Ich erinnere an die Debatten der 90er und 2000er, die sich um die extreme Individualisierung drehten. Wenn jede*r alles „so macht wie ich es halt machen will“ trägt das schonmal viel bei zu A und C. Man kann sich aber auch zusammenreißen (auf Arbeit) und diszipliniert verhalten, an Prozesse und Standards halten etc. dann kommen manchmal hammer Ergebnisse raus. Dann kann aber nicht jede*r wie ih*r grad ist. Muss man halt mögen.

Team und Abteilung sind out. Das heißt jetzt Train, Squat, Tribe, Guild, Chapter, … you name it

Auch das frenetisch Aufspringen auf immer neue Tools, Apps und Hypes macht Die Welt enorm V, U, C und A (schon wieder von Deon weg hin zu Miro? Wie geht das denn jetzt wieder? Welche Software für was? Ist das eigentlich erlaubt?). Auch das permanente Durchquirlen neuer Begriffe. Eine Pest, die alle nur verwirrt. Gerade die Vertreter*innen der schönen neuen roten Welt schmeißen nur so um sich mit völlig unetablierten (und unnützen) Termini. Das macht alles nur VUCAiger als nötig. Weils kein Mensch checkt (der den Arsch voll mit echter Arbeit hat).

Kultivierung der Ahnungslosigkeit – oder „das kann man dann ja brainstormen“

Der zweite Fehler ist, wenn man glaubt, Wissen sei unnötig, solange man kreativ ist. Das begegnet mit immer dann, wenn tausende in die Design Thinking Seminare strömen, aber nur 3 in die Power Automate Session. Ideation, Brainstorming, Personas erfinden (ja leider!), Lösungen fühlen – was auch immer du an tollen Methoden reinziehst: Wenn du in deiner Branche eine Rolle spielen willst, was verändern willst, die Firma retten oder Märkte erobern – dann musst du nach wie vor auch eine Menge WISSEN. Richtig was KÖNNEN. Wer wird denn mit Traum Einstiegsgehalt gelockt? Scrum Master, Design Thinker, Brainstorming-Moderatoren, Achtsamkeitscoaches – oder Coder, Anwälte, Finanzer, Mathematiker? Letztere, weil sie richtig was wissen. Ja Soft Skill ist das neue Hard Skill. Das heißt: wenn der Mathematiker zusätzlich ein wenig teamfähiger wird, dass ihm dann die Welt gehört. An allen Ecken und Enden werden Leute gesucht, die was wissen. Der Spruch heißt nicht, dass Du in einer zunehmend digitalen, automatisierten, sauschnellen, globalisierten, verzwickten Welt jetzt mit ein paar Zertifikaten in TheorieU, Advanced Business Canvassing und Systemischem Aufstellen irgendwen vom Hocker reißt.

Heute könnte fast jeder zweite Workshop heißen „Hilfe! WTF müssen wir tun, was können wir tun, was dürfen wir überhaupt tun?“

Und systemisch, ja, also… sicherlich ist alles ein System. Sicherlich musste auch ich Luhmann lesen. Natürlich wirkt alles irgendwie auf alles. Und ich bemerke in meiner täglichen Arbeit sogar, dass die Mehrheit der Menschen inzwischen „Systemisch“ nicht mehr für einen Chakra Tanz hält, sondern am eigenen Leibe spürt, wie wechselwirkend alles inzwischen ist. Früher gab es Workshops, die hießen „Prozessoptimierung“, „Strategieworkshop“ oder „Teambuilding“, schön klar umrissen. Heute könnte fast jeder zweite Workshop heißen „Hilfe! WTF müssen wir tun, was können wir tun, was dürfen wir überhaupt tun? Was wollen wir individuell tun und wofür tun wir das überhaupt? Ach wir tun es längst, ah Hilfe!“ Die Falle im Narrativ vom „Systemischen“ ist, wenn zu viele Leute nur noch um diesen System-Brei herumreden und immer weniger Leute Dinge tun. Denn Dinge tun führt immer noch zu Geld verdienen. Das hat sich nicht verändert.

Warum legen erfolgreiche Unternehmen entgegen typischer aktueller Narrative SEHR viel Wert auf Prozesse und Wissen?

Alle Unternehmen, die derzeit die Märkte dominieren, haben in der Aufbruchsphase evtl. hoch kreativ ausprobiert, Ideen gebrainstormed, crazy Kram gemacht, geschenkt. Aber sobald sie wussten, wo der Zaster liegt, haben sie Prozesse perfektioniert und Wissen gehäuft. Muss ich noch Google, Tesla, Netflix, Apple sagen? Da flutscht alles. Eine tolle UX, vernetzte Rechenzentren oder das Kapern ganzer Wertschöpfungsketten sind keine Folge von Kreativität. Es sind vor allem Folgen von harter kluger Arbeit, Skrupellosigkeit, Bergen an Budgets sowie Anpassungsfähigkeit (der eigenen Prozesse!)

„People over Process“ und Kundenfokus sind oft nur eine hohle Phrase. Geh doch mal zum Scrum Team und sage „Für den Kunden und uns alle wäre es super wichtig, dass der und der Knopf sofort grün gemacht wird“. Was passiert dann? People? Nee, Process! „Talk to my Backlog“ wird die Antwort sein. Die Coder haben sich mit Sprintzyklen zeitliche Reviere der Macht geschaffen. Lasst uns 4 Wochen in Ruhe an meinem Code mokeln, ihr People.

Zum Wissen brauche ich nichts mehr zu sagen, oder? Klar, in komplexen Situationen kann man nicht alles vorher wissen, per Definition. Sonst wäre es ja nur kompliziert. Oder gar simpel. Aber wenn Du Wissen in die alte Ecke stellst (blaue Welt, überholt, starr, …) dann umgehst du zu weit. Intuition, Fachwissen, Weltwissen, Lebenserfahrung, Methodenwissen – das alles verliert nicht einen Millimeter an Bedeutung. Wenn du darauf pfeifst, dann nehme ich dir sofort alle Teammitglieder weg, die irgendwas wissen. Du kriegst stattdessen ausschließlich Leute, die gar nichts wissen aber super kreativ sind. Have fun!

Warum wird beim Thema Fehlerkultur oft am Punkt vorbeidiskutiert?

Angenommen bei Netflix baut jemand Mist. Er handelt gegen Abmachungen, hält sich nicht an Qualitätsvorgaben, schummelt oder kümmert sich nicht genug um ein Thema und nun ist die finale Staffel von Supernatural offline. 🤯 Ja glaubt ihr, er kriegt weniger Ärger als jemand, der für die ARD Mediathek arbeitet? Fehler sind Fehler. Klar, man muss nicht gleich rausgeworfen werden. Klar kann man aus Fehlern auch lernen. Und manchen ist ein MA, der Fehler gemacht hat (also die Chance zum Lernen hatte) wertvoller als MA, die noch nichts dazugelernt haben. Aber das hat nichts mit Agilität oder neuer Führung, New Work, Achtsamkeit oder irgendwas sonst zu tun. Das ist seit Jahrtausenden in jeder Organisation, Familie oder Gesellschaft ein wichtiges Thema: wie wird mit Fehlern umgegangen? Wie diszipliniert verhalten wir uns? Das viel gelobte (und super wichtige) Vertrauen kommt ja auch nicht von allein, es wird durch Compliance erworben.

Was jedoch bei Netflix und Co. in Puncto Fehlerkultur anders gemacht wird, ist: sie managen das Ausprobieren anders. AB Testing, olle Kamelle, aber manche machen das halt professionell. Andere machen denselben „richtigen“ alten Kram auf Gedeih und Verderb weiter. Fail fast, often and forward ist die Maxime erfolgreicher Unternehmen. Sie gehen aber nicht in dem Sinne anders mit „Fehlern“ um. Ergebnisse aus Versuchen sind keine Fehler, sondern Erkenntnisse.

Fehler machen im Sinne von Verfehlungen, etwas falsch machen, ist doch ganz was anderes als Ausprobieren. Anstatt also dein ganzes Unternehmen auf den Kopf zu stellen, alle müssten jetzt mal aufhören, Fehler zu kritisieren, solltest du lieber rumlaufen mit einem Schild: „Wir müssen endlich professionell ausprobieren und datenbasiert Erkenntnisse gewinnen!“ Klingt halt nicht so fancy wie Fehlerkultur.

Fazit

  • Ich habe für mich selbst sehr viel gelernt in Umgebungen, in denen Fehler sehr gefährlich waren und entsprechend hart und fair kritisiert wurden. Verantwortung, Umgang mit Kritik, Umgang mit Scham, Umgang mit Scheitern, Wachstum durch Selbstreflektion. Diese Erfahrungen empfehle ich allen, die viel von Fehlerkultur sprechen. Sie sind so wertvoll.
  • Sprecht weniger von Fehlerkultur, mehr vom professionellen Management des Erkenntnisgewinns. Oder meinetwegen AB Testing. Oder Fail Fast, Often and Forward. Oder Lernende Organisation.
  • Soft ist das neue Hard Skill. Ok. Aber Hard ist auch das neue Soft Skill. Um Wissen kannst du dich nicht drücken. Auch nicht in der VUCA Welt.
  • Erfolgreiche Unternehmen schaffen Prozesse nicht ab sondern halten sie ein. Weniger erfolgreiche schaffen sie nicht ab UND halten sie nicht ein.

Freue mich auf Debatten

Cheers!

Experte in was eigentlich? Was müssen Menschen in VUCA Zeiten sehr, sehr, sehr gut können?

Prof. Lutz Göcke postete auf LinkedIn eins meiner Lieblingszitate von Mike Tyson „Everybody has a plan. Until they get punched in the face“. Das ist nicht nur lustig, es ist auch insofern wahr, als dass heutzutage Pläne und Wissen schnell ihren Wert verlieren. Wichtiger wird das Reagieren auf Veränderungen. Nach meinem Artikel über die große Veränderung der Rolle „Führungskraft“, hier Teil 2 – die große Veränderung der Expertenrolle.

„Warum sollten wir Sie anheuern?“ „Ich bin Experte in Codeschnipsel Anderer wahllos zusammenkopieren, Slack & Zoom benutzen und im Verwerfen von Ideen“ „Prima, wann fangen Sie an? Und bei welcher Firma?“

Ich bin ja innerlich noch immer ein Anhänger der These 10% Talent + 90% Schweiß, auch wenn sie wohl falsch ist. Mit Talent ist wirklich das Angeborene, vielleicht noch das früh Erlernte gemeint. Mit Schweiß ist gemeint, dass man üben muss. Üben üben üben. Viele von uns kennen die magische Zahl 10.000 Stunden, die einen Experten machen sollen. Forschungen und Publikationen von Gladwell und Ericsson schienen uns seit 20 Jahren nahezulegen, dass ein Meister seines Fachs ca. 10.000 Stunden üben musste. Diese Zahl ist zumindest Mumpitz.

Erstens bezeichnete die Zahl lediglich, dass sehr gute Musikstudenten bis zum 20. Geburtstag ungefähr so viel geübt hatten. Man kann also auch sagen 15.000 Stunden bis 25 oder 7.500 Stunden bis 18,2 Jahre. Etwas beliebig das Ganze. Zweitens bezog sich Gladwell vor allem auf Musikunterricht und Sport, und dann mutmaßte er was über die Beatles, Bill Gates und andere. Wie wird man also Experte? Und in was? Und wie ändert sich die Rolle im Arbeitsalltag angesichts der Strömungen VUCA, Agilität, Ownership, T-Shape und flacher Hierarchien? Um diese und andere Fragen geht es hier…

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